LINDENAUER HAFEN
BAYWOBAU

LEIPZIG   |   DEUTSCHLAND   |   2016

Investorenauswahlverfahren Lindenauer Hafen / Leipzig  Los7a

3. Preis


Geschichte und Heute.

Kurz vor Ausbruch des II. Weltkrieges wurde geplant in Lindenau einen Industrie und  – Umschlaghafen mit Anbindung an den Elster – Saale – Kanal und den Karl – Heine – Kanal zu errichten. Nach erfolgtem Baubeginn im Mai 1938 wurden 5 Jahre später 1943 die Errichtungsarbeiten unterbrochen und nie zu Ende geführt. Die Hafenbecken mit Kaianlagen wurden zwar zu großen Teilen fertiggestellt und auch einige der geplanten Speicher – und Lagergebäude. Jedoch zur Funktionsfähigkeit eines Umschlaghafens fehlten die schiffbaren Anbindungen an die Kanäle, so dass die geplante Nutzung niemals erfolgen konnte. Eine Entwicklung zum zentralen Umschlagplatz Leipzigs und dessen Umland über das Wasser erstickte im Keim und synergetische Ansiedlungen für Schiffsreparatur, Umschlagtechnik, Verwaltung, Lager - und Transportanlagen etc. blieben reine Utopie. Nach Jahrzehnten des Brachliegens, artfremder Zwischennutzungen und Verfalls blieb das Wort Hafen als Hülse zurück, assoziiert jedoch Bilder nach erfolgter Umnutzung von Lofts in alten Speichern, Lofts in ergänzenden Neubauten, Gastronomie in alten Lagerhallen, verweilen unter stillgelegten Kranen, Spolien einer vergangenen Industriekultur als Zeitzeugen der Ursprungsnutzung.


Das Konzept.

Diese Assoziationen sind der Ausgangspunkt für unseren unprätentiösen Entwurfsansatz: Was nicht da ist, muss gebaut werden - Häuser mit der unverwechselbaren Erscheinung einer Hafenarchitektur.  Wir wollen keine Häuser an einem schönen Wasserbecken, welche genauso am Stadtpark mit Fontäne stehen könnten.


Der Städtebau.

Den Ausschnitt des offenen Blockes gliedern wir in zwei längs ausgerichtete Einzelgebäude mit Verlauf zur begleitenden Straße bzw. Promenade. Den gewinkelten Grundriss des Hauses A haben wir zu Gunsten der inneren Struktur und der äußeren Blickbeziehungen zum Kanal begradigt. Dadurch wollten wir gleichzeitig erreichen, dass die zwei gleich proportionierten Kopfgebäude ein Tor vor der Brücke bilden.


Der Freiraum.

Der offene Block definiert einerseits klare Begrenzungen der Freiflächen in Form von Baulinien, andererseits entstehen gewünschte Bereiche der Durchlässigkeit. Klar und abgegrenzt ist die Freifläche entlang der Straße vor dem Haus A. Diese gliedern wir mit Mauern und Hecken, so dass eine eindeutige Zuordnung zu den entsprechenden Nutzungen möglich ist. Freiraumkonzept und gleichzeitig architekturprägend ist die Anordnung von erhöhten Terrassen längs des Hauses B und dem Giebel des Hauses A. Vor den Wohnungen im Erdgeschoss schaffen sie eine notwendige Privatheit zur Promenadenstraße und übersetzen Elemente der Speicherarchitektur wie Rampen und Verladeplattformen. Der Zugang zur Brücke, die Verbindung von Promenade und Radweg von unterschiedlichen Geländehöhen aus, der Anleger für Wasserwanderer, die geneigte Freifläche zum Ufer bilden in der Summe eine sich abhebende Bedeutung zu den anderen Baufeldern. Dieser Bedeutung wird Rechnung getragen mit der Ausgestaltung der Freifläche zwischen Haus A und B zu einem halböffentlichen Ort zum Ausscheren aus dem Strom von Radfahren, Fußgängern und Wassersportlern. Gleichzeitig bildet dieser Verweilraum die Abgrenzung und den Übergang zum privaten Garten der Wohngemeinschaften. Dieser Garten ist geprägt durch eine fließende Reihung von wassergebundenen Kiesflächen unter Baumkronen, Rasenflächen mit verschieden blühenden Gräsern, Kinderbereichen, durch Hecken abgegrenzte Privatgärten der Wohnungen im Erdgeschoss, integrierte Fahrradabstellplätze und Bootsregale, Zuwegungen und dem Hauseingang ins Haus B. Die Planung ist so flexibel, dass ein Anschluss an die Nachbargrundstücke problemlos möglich ist und eine gesamtgestalterische Integration möglich ist.


Die Architektur.

Welche Bilder hat man unmittelbar vor Augen bei den Worten: Umschlaghafen und Wohnen? Natürlich erst einmal Wasser. Dann aber: Lofts mit Industriefenstern in schnörkellosen Baukörpern, Farben in gebrannten Ziegeltönen, holzbeplankte Verladerampen, Lettern für Worte wie Pier, Dock oder Kai. Klare Fassadenstrukturen aus einem Arbeitsgeschoss (Sockel) im EG und den Speicheretagen in den Obergeschossen. Diese Bilder möchten wir mit unserem Entwurfsansatz erzeugen. Zwei Gebäude als Bestandteil des offenen Blockes stellen sich entsprechend den Besonderheiten als eigenständige Häuser dar und gleichzeitig korrespondieren sie über Proportionen und Gestaltungselemente miteinander. Haus A bildet die Raumkante zur Straße und markiert zusammen mit dem Nachbargebäude den Übergang auf die Brücke. Den Grundrissen entsprechend ist die Fassade gegliedert. Im horizontal lagernden Erdgeschoss gibt es die Hauseingänge mit prägnanter Adressbildung und die Zugänge zu den öffentlichen Nutzungen für Gastronomie und Gewerbe. Es bildet den umlaufenden Sockel für die Obergeschosse. Das zur Promenade orientierte Haus B ist etwas kleiner und hat im Erdgeschoss keine öffentliche Nutzungen. Um dort die Privatheit zu gewährleisten gibt es erhöhte Terrassen. Beide Häuser werden im Erdgeschoss mit horizontal gelagerten Fertigteilen aus Glasfaserbeton verkleidet, was die Zusammengehörigkeit darstellen und den Charakter eines Sockels verstärken soll. Die leicht konkav gewölbten Betonelemente finden sich in den Obergeschossen als Brüstungen der Balkone wieder. Die Obergeschosse sind verputzt und in Farbtönen gebrannter Ziegel gestrichen. Diese Gestaltungsmittel, gleichen Fensterformaten und die Sprossenaufteilung in Anlehnung an Industriefenster für beide Häuser schaffen ein eigenständiges Ensemble, ohne sich im heterogenen Gesamtgefüge hervorzuheben.


Die Materialität.

Um unseren Ansprüchen gerecht zu werden, möchten wir keinen Entwurf entwickeln und vorstellen, welcher sich ausschließlich über kostenintensive Materialien definiert, die vielleicht einer wirtschaftlichen Prüfung nicht Stand halten könnten, nach Abänderung verlangen und dann vom Entwurf nichts übrig bleibt. Gleichsam ist es uns wichtig auf Materialien zurückzugreifen, welche sich im ökologischen Kreislauf durch eine hohe Nachhaltigkeit und ausgewogene Lebenszykluskosten auszeichnen. So verzichten wir bewusst in den Obergeschossen auf eine zweischalige Klinkerfassade. Wir schlagen eine geputzte Fassade vor. Das Tragsystem folgt einem klaren Raster, welches sich in einer gleichmäßigen Lochfassade widerspiegelt und damit eine Verwendung von perlitverfüllten Ziegeln für die Außenwände vorgesehen wird, um auf ein WDVS System zu verzichten. Diese Ziegel bestehen aus Ton, Wasser und Perlit, sind frei von Schadstoffen und erfüllen alle Anforderungen an Schall – und Wärmeschutz. Ein mineralischer Putz in unterschiedlichen Körnungen vollendet die Fassade im klassischen Sinn. Die Fassade im Erdgeschoss ist als zweischalige, hinterlüftete Vorhangfassade gemäß Wärmeschutz/EnEV (Zeitpunkt der Fertigstellung) geplant. Die vorgehängten Elemente sind Glasfaserbeton-Elemente. Diese werden im Spritzverfahren nach einem individuellen Formenbau gefertigt. Dieses Verfahren ermöglicht eine passgenaue Fertigung der Bögen. Durch die vorgeschlagene Ausführung wird gewährleistet, dass eine hochwertig gestaltete Fassade nicht im Missverhältnis zur Wirtschaftlichkeit steht und gleichzeitig Begriffe wie Nachhaltigkeit und DGNB keine punktierten Floskeln bleiben.


Die Grundrisse.

Das bereits erwähnte klar strukturierte Tragsystem erlaubt eine hohe Varianz an Wohnungstypen und Größen. In beiden Häusern ist ein ausgewogener Wohnungsmix vom 1 Zimmer Apartment bis zur 5 Zimmerwohnung möglich. Die Grundrisstypologie lässt eine hohe Flexibilität zu, dass auf den gewünschten Bedarf ständig reagiert werden kann, ohne die Trag- und Strangstruktur zu ändern. Wohnungsgrößen auf den Etagen sind so verteilt, dass keine Gruppierung vorbestimmt ist, sondern eine Durchmischung aller Altersgruppen möglich ist. Alle Wohnungen haben Balkone und Terrassen mit einem Blickbezug zum Wasser. Jeden Wohnungstyp gibt es in unterschiedlichen Größen, so dass eine Preisdifferenzierung möglich ist.


Bilder: © renderatelier

  • AUSLOBER:
  • BayWoBau
  • EHRUNG:
  • 3.Preis