NEUMARKT, QUARTIER VII-1
BAYWOBAU

DRESDEN   |   DEUTSCHLAND   |   2016

„…der gestalterische Grundsatz der Neubauten sollte behutsames, selbstbewusstes Einfügen sein.“ (Städtebaulich - gestalterisches Konzept für den Neumarkt) Dieser 1996 formulierte Entwurfsgrundsatz war und ist von großer Bedeutung für das Gesamtvorhaben Neumarkt, jedoch 2016 von höchster Wichtigkeit gerade für das Quartier VII. Nachdem der Wiederaufbau des Neumarktes so gut wie vollendet ist, müssen nun abschließend architektonische Lösungen gefunden werden, welche sich nicht nur in den neu errichteten Kontext ehemaliger barocker Strukturen einfügen, sondern gestalterische Übergänge zu anderen bauhistorischen Epochen schaffen. So wie das Projekt Neumarkt einen architektonischen Aufbruch nach einer Zeitenwende darstellt, war der bauliche Neuanfang in den 50er Jahren ein bedeutsames Projekt für Dresdens Wiederaufbau, welches nicht im Schatten barocker Schönheit zurückbleiben darf. Betrachtet man den nachbarlichen Bestand entlang der Schloßstraße bis zur Wilsdruffer Straße (früher Ernst-Thälmann-Straße), die Bebauung bis zum Szeged Haus oder die begrenzenden Gebäude des nahen Altmarktes findet man eine gestalterische Vielfalt im Detail, welche bei heutigen Neubauvorhaben vergeblich gesucht werden. 

 

Selbst der Kulturpalast zeigt zu würdigende Gestaltungsansätze. Jedoch als architektonische Großform mit Spezialnutzung muss er einfach akzeptiert werden ohne den Versuch zu unternehmen, außer im Detail, gestalterisch auf ihn zu reagieren.

 

In der Rosmaringasse und der Schloßstraße werden nach der Fertigstellung unterschiedlichste bauliche Epochen gleichberechtigt das neue Stadtgefüge mit Plätzen und Straßen bilden. Wünschenswert ist es, dass dieses Nebeneinander als heterogene Harmonie wahrgenommen wird. Das aus Ruinen wiedererrichtete Schloß gegenüber der 50er Jahre Zeilenbebauung, der mosaikverzierte Kulturpalast neben neuer Eckbebauung und Fürstlichem Haus, Taschenbergpalais und Swissotel, alles unter sinnbildlicher Beobachtung durch die Frauenkirche. Unserer Meinung nach wäre es nicht der richtige Weg an dieser Stelle Fassaden im Sinn einer Rekonstruktion zu gestalten, jedoch auch keine brachialen Zäsuren zu schaffen wie auf dem Nachbarquartier VII/2. Der Gestaltungsansatz barocke Fassadengliederungen durch interpretierte Detailformen und Materialanwendungen unter Ausnutzung heutiger technischer Herstellungsmöglichkeiten zu ergänzen erscheint uns als ein richtiger Weg, um ein „behutsames und selbstbewusstes Einfügen“ zu erreichen. Die Gliederung in zwei und nicht mehr Gebäude halten wir gegenüber der Kulturpalastfassade für richtig. Beide Fassaden sind gegliedert in einen eingeschossigen Sockel (Basis), die Obergeschosse (Schaft) und zwei geneigte Dachgeschosse (Kapitell). Anregen möchten wir die Geschosshöhen zu überdenken. Würde man das 1./2/3.Obergeschoss jeweils auf 3,50m reduzieren, könnte man das EG um 1,05m erhöhen, was der Nutzung zuträglich wäre und die Fassadenproportionen verbessern würde.                                                                                                 

 

Gebäude Ecke Schössergasse: 

Entsprechend der Raumtrennung und Raumnutzung ist die Fassade in einem gleichmäßigen Raster gegliedert und unterteilt in zwei Seitenrisalite die den Mittelteil einfassen. Hinter den Risaliten befinden sich die Wohnbereiche mit einer Loggia. Durch die gleiche Fassadenstruktur entlang der Rosmaringasse und der Schössergasse wird aus den Seitenrisaliten ein Eckrisalit und betont das städtebauliche Straßengefüge. Gestaltgebend sind konkav geformte Stützen und Stürze in Einheit mit formgleichen Metallfaschen der Fenster. Um schon in der Entwurfsphase Sicherheit für die Umsetzung und deren Kosten zu haben, entwickelten wir speziell für diese Gestaltungsform in Zusammenarbeit mit Herstellern und Industrie ein spezielles Fassadendetail und brachten es bereits im Sommer 2015 zur Ausführung. Ein vorgefertigtes großflächiges Profil aus Verofill – Granulat wird auf der  Dämmung verklebt und endbeschichtet. Den Übergang zum Fenster bildet eine pulverbeschichte Metallfasche aus stranggezogenen Formprofilen mit gelaserten Unter – und  Oberblechen, welche ebenfalls vorgefertigt die Radien der Stützen und Stürze aufnehmen. Dieses erprobte Detail ist einerseits ein Gestaltungsdetail und gleichzeitig eine technisch optimierte Lösung für den Putzanschluss, der Integration des Sonnenschutzes und der Absturzsicherung. Das Geländer besteht aus einem modifizierten Stabgeländer aus wechselnd gedrehten Flachstählen in Farbe der Metallfasche. Die Fensterflügel sind aus gestrichenem Holz. Im Bereich der Loggienöffnungen sind die Sturzbereiche in Metall verkleidet, welches in Analogie zu barocken Fassadenornamenten reliefartig geprägt ist. Als Motiv schlagen wir die steinernen Stadtgrundrisse des Dresdner Künstlers Egmar Ponndorf vor, welche noch vor kurzer Zeit die Wände eines Fußgängertunnels schmückten. 

 

Gebäude Ecke Schloßstraße: 

Vielfalt in der Einheit. Oft benutzte Worte und wenn sie nicht zur Phrase werden das richtige Gestaltungsrezept für eine kontinuierliche Stadtentwicklung. Gleiche Gestaltungsansätze, Proportionen und Materialien differenziert und abgewandelt prägen die Fassadengestaltung des Hauses Ecke Schloßstraße, wobei keins von beiden Häusern das 1. oder 2. war und beide eine Einheit behutsam und selbstbewusst im Gesamtgefüge des wiedererstandenen Neumarktes von Dresden bilden.


Bilder: © renderatelier

  • AUSLOBER:
  • BayWoBau Baubetreuung, Niederlassung Dresden